Stein trägt

Vom 6. bis zum 14. Juni war ich im Engadin in der Schweiz – als Bildhauerin am Symposium der Art Engiadina in Sur En, einem wunderschönen Ort direkt am Inn gelegen. Das Symposium war für Stein-und Holzbildhauer ausgeschrieben, und als Material zum Arbeiten wurde Laaser Marmor zur Verfügung gestellt. 

Als Entwurf hatte ich eine fließende Form mit dem folgenden Text eingegeben: Im Fluss ist für mich mit Weichheit und Umschmeicheln ebenso verbunden wie mit Druck und Kraft. Die Marmor-Skulptur ist eine Einladung zum Spüren der Härte des Steins in der Weichheit der Form, zum Erleben der Gegensätze in einer anmutigen Ganzheit.

Meine Einreise gestaltete sich Corona-bedingt aufregender als erwartet und ich war sehr froh, mir am Sonntag morgen einen Marmorblock auswählen zu können und an dem Platz aufzustellen, den mir Bildhauerin und Freundin Andrea Schiffers schon vorbereitet hatte. Mit dem Arbeitsbeginn von insgesamt 17 Bildhauerinnen und Bildhauern aus der Schweiz, Österreich, Italien, Deutschland, Tschechien und der Slowakei breitete sich eine sehr besondere und dichte Energie über dem Platz aus. 

Mein Steinblock hatte ein anders Maß als das, von dem ich ausgegangen war, und darüber war ich froh. So konnte ich mich zwar an meinem Entwurf orientieren, aber gleichzeitig ganz intuitiv in die Arbeit mit dem Stein und die Entwicklung der Form gehen. Ganz wesentlich unterstützend war dabei für mich das Thema im fluss, dem ich mit meiner ganzen Haltung folgen wollte. Dass mein Arbeitsplatz direkt am Inn lag, dessen Farbe sich täglich änderte und von grün zu türkis und blau zu braun und ocker und wieder zurück wechselte und mich mit seinem kraftvollen Rauschen und der Energie des Flusses begleitete, war dazu noch sehr beflügelnd und unterstützend. Ein Blick zum Fluss in Momenten des Innehaltens und bewusst Seins half mir immer wieder, zur Energie des Fließens zurückzufinden. Und dann waren da noch die Kolleginnen und Kollegen, die wertschätzend, hilfsbereit, aufmunternd und humorvoll für einen sicheren Halt drumherum sorgten, und eine tolle Rundumversorgung und Organisation der Art Engiadina…

Meine Arbeit war leicht. Auch wenn ich Schwierigkeiten hatte mit meinem Presslufthammer, der neben einem Hand-Sprengeisen mein einziges Werkzeug war und an manchen Tagen viel Fürsorge gebraucht hat, um überhaupt zu funktionieren, auch wenn ich eine offene Blase in der Handinnenfläche und Schmerzen im Arm und in der Schulter hatte, auch wenn ich manchmal an meinem Vorgehen gezweifelt habe und Angst hatte, ich werde NIE fertig, auch wenn es Stellen am Stein gab, die nicht auf Anhieb fliessen wollten, auch wenn es den ganzen Tag geregnet hat und es kalt und ungemütlich war – es ging leicht. Irgendwoher kam ein tiefes Vertrauen, dass alles gut ist und richtig so, wie es gerade ist. Erst zum Ende der Woche wurde mir bewusst, dass der Stein darin eine tragende Rolle für mich spielt – in mehrfachem Sinne. 

Am Anfang war der Block noch eckig und kantig, aber die Form schälte sich stetig heraus und der Stein bekam immer mehr Rundungen. Eines Tages, es war Tag vier, fiel mir auf, dass ich mich zum Arbeiten anlehnen konnte. Ganz gemütlich konnte ich mich an den Stein lehnen, ohne dass er auch nur ein bisschen nachgab. Ich konnte mich darüberlehnen, draufsetzen, so wie ich es brauchte, um die beste Arbeitshaltung einzunehmen, und fühlte mich getragen. Am nächsten Tag passierte dann mein absolutes Highlight – der Stein passte MIR! Wir hatten ihn gerade wieder auf die andere Seite gedreht und ich setzte mich zum Arbeiten an den Rand der Palette, nahe an den Stein, und passte GENAU in seine Rundung! Das war ein unbeschreibliches Gefühl, denn es fühle sich für mich so kraftvoll und gut an, und es erfüllte sich in dem Moment etwas, wonach ich suchte – die Berührung und die Verbindung mit dem Stein, und damit das, was ich in meiner Eingabe beschrieben hatte: Die Marmor-Skulptur ist eine Einladung zum Spüren der Härte des Steins in der Weichheit der Form, zum Erleben der Gegensätze in einer anmutigen Ganzheit. 

An diesem Tag entstand der Wunsch, dieses Erlebnis zu teilen und die Skulptur auf einem Sockel zu präsentieren, auf den sich die Besucher*innen setzen können, um den Stein und die Form zu spüren. Bis zur Vernissage am Samstag lud ich schon verschiedenste Besucherinnen dazu ein, Platz zu nehmen. Es war solch eine Freude zu sehen und zu spüren, dass es auch für andere ein ganz besonderes und kraftvolles Erleben war. 

Am Samstag an der Vernissage kamen viele Besucher*innen, und einige folgten meiner Einladung, sich zu setzen und anzuschmiegen an den Stein, seine Kraft zu spüren. Dabei setzten sich auch Paare – auf beiden Seiten der Skulptur gibt es eine wunderbare Kurve um sich einzuschmiegen – und wir nannten ihn Stein für Liebende . Und es setzte sich ein älterer Mann einfach so, ohne dass er zuvor andere hat sitzen sehen und ohne Aufforderung. Das war mein größtes Glück. 

Wie schön, dass dieser Stein, diese Form all das ermöglicht!

Ich selbst habe mich auch oft gesetzt und mich eingeschmiegt in die Kurven, angeschmiegt an den Stein. Dabei habe ich ihn so kraftvoll, so tragend erlebt. So voller Verbindung und Vertrauen. So trägt der Stein. 

Ich freue mich sehr, dass die Skulptur für ein Jahr in Scuol im Öffentlichen Raum aufgestellt wird, um dort die Art Engiadina und das Internationale Bildhauer Symposium zu repräsentieren!

Die Skulptur ist käuflich, und ein Teil des Erlöses bekommt der Verein für die weitere Entwicklung und Förderung der Kunst im Engadin.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Mechthild Rüther

    Schwingende Form- hell und lebendig- sie bleibt nicht dort.

  2. MO_sculpture

    Danke, Mechthild! Wie schön in mir durch deinen Kommentar ein Bild entsteht, wie die Form, ganz lebendig, sich bewegt und weiter fliesst, wohinauchimmer…

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