Über das Wenden

23. April 2020 … Seit ein paar Tagen arbeite ich an einem größeren Stein. Größer ist er, wenn ich ihn ins Verhältnis setze zu den Steinen, die ich in den Wochen vorher bearbeitet habe und die handlich waren, leicht zu drehen und zu wenden, und meist überschaubar. Dieser größere Stein ist ein Muschelkalk, nicht hoch, aber lang, etwa einen Meter dreissig, und so schwer, dass ich ihn anfangs nur mit Hilfe des Krans drehen konnte, was für die Überschaubarkeit zunächst einen vergleichbar höheren Aufwand bedeutet.

Was bedeutet nun aber Überschaubarkeit?

Ich arbeite ohne Entwurf an meinen Skulpturen und berücksichtige einzig die Grundidee keiner festgelegten Standfläche. Wo und wie ich anfange ist eine kurze Entscheidung, dann entsteht die Form schrittweise durch ein rundherum arbeiten und Verbinden der verschiedenen Seiten. Dazu gehört den Stein zu drehen und zu wenden, seine Beweglichkeit zu testen, Gewichtsverlagerungen und Schwerpunkte zu prüfen, Ausrichtungen und Richtungsdynamiken wirken zu lassen. Überschaubarkeit bedeutet dabei, eine Ahnung der Zusammenhänge zu bekommen und diese in der Gestaltung der Form herzustellen. 

Nun ist durch die Größe dieses Steins und den Aufwand des Drehens und Wendens meine gewohnte Weise gestört und ich ertappe mich mehrfach bei dem Versuch, Zusammenhänge der Form zu konstruieren, um dann beim nächsten Drehen festzustellen, dass es so nicht funktioniert hat.

Mir kommt die Frage: Was kann ich heute wenden?

Nachdem ich diese Frage nicht beantworten konnte, habe ich diesen Text für zwei Tage liegen lassen und mich weiter bei der Arbeit am Stein beobachtet. Folgendes konnte ich feststellen: 

Am ersten Tag bin ich unter Druck, aufgeregt, kann es kaum ertragen, keine Übersicht zu haben und die Zusammenhänge (noch) nicht zu erkennen, immer noch nicht zu wissen, wohin die Form will. Das Drehen und Wenden geht immer noch nicht leichter, und weil meine Arbeitsfläche für den Stein zu klein ist, kann ich auch keine zuverlässigen Feststellungen über Gewichtsverlagerungen und Beweglichkeit machen. 
Zur abschließenden Betrachtung meines Tagwerks lege ich den Stein auf den Boden und bekomme auf einmal einen ganz anderen Blick darauf. Ich kann die Beweglichkeit testen und dem Formfluss aus einer anderen Perspektive folgen, ich kann das viele Wollen lassen und fühle mich beruhigt.

Am zweiten Tag, das ist heute, habe ich mich entschlossen, an einer Seite zu beginnen und von dort aus die Form zu verfeinern. Dazu wähle ich den kleineren Drucklufthammer und verwende dies gleichzeitig als förderliches Sinnbild für „mit weniger Druck arbeiten. Ich fühle mich heute wieder mehr im Fluss bei der Arbeit, mit dem Stein und mir selbst verbunden. 

Ich muss nicht in allen Einzelheiten wissen, wie die Form sein wird, ich muss auch nicht alle Zusammenhänge kennen. Ich muss nichts aus der Unsicherheit heraus konstruieren oder ein künstliches Verstehen herbeiführen. Ich kann voller Vertrauen bleiben und mich dem Dialog mit dem Stein und mir selbst überlassen. 

Das ist heute meine Wende.

 

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