Über den Fliederduft im Jetzt

Heute morgen habe ich den Flieder in der Frühlingsluft schon gerochen, und etwas später die tief lilanen Blüten vor dem Blau des Himmels fotografiert. Während ich jetzt im Garten sitze fällt mir dazu ein Haiku ein, das ich vor längerer Zeit geschrieben habe:

ich bin so ewig
wie der fliederduft im jetzt
und der tau im gras

In den letzten Tagen war ich fasziniert von dem Wachsen und dem schnellen Wandel in der Natur. Kaum blühen die Mirabellenbäume und setzen als erste zart-weiße Tupfen an den Hang, drängt sich schon das Grün, das so unglaublich zarte und kraftvolle Grün des Frühlings, immer mehr in den Vordergrund. Noch habe ich den kräftigen Duft der kleinen Blüten in der Nase, da empfängt mich das zarte Rosa und die Fülle der blühenden Apfelbäume, die einen ganz anderen, zarten Duft verströmen, und das nun fast schon kniehohe Gras mit den weichen Halmen, die ich an meinen Knöcheln spüre.

Auf die Spaziergänge gehe ich am morgen nach meiner „heiligen Zeit“ am Stein, wenn ich den Staub der Werkstatt schon abgeduscht und die formende Bewegung langsam losgelassen habe. Der Stein, mit dem ich mich in den frühen Stunden des Tages beschäftige, erzählt anders von der Zeit und dem Wandel als die Blütenfülle im Aufblühen, Verblühen und Fruchtbilden. Der Muschelkalk aus Bayern, an dem ich gerade arbeite, hat eine 220 millionenjährige Entstehungsgeschichte, die in einem Meeresbecken beginnt, das von Tieren und Pflanzen besiedelt war. Deren Ablagerungen aus Schalen, Gehäusen und Pflanzenrelikten bestanden aus Kalk und wurden nach und nach teilweise zertrümmert, bildeten zudem Kalkschlamm und versteinerten. Aus den umgebenden Uferregionen des Meeres wurden Eisenhydroxide eingeschwemmt, die in dem Kalkschlamm sedimentierten. 

Während ich formend am Stein arbeite, Schicht für Schicht abtrage, begegne ich also Jahrmillionen. Eine verrückte Vorstellung. Was ich spüren kann, ist eine unbeschreibliche Art von Stille, die von dem Stein ausgeht, die mich in meiner Arbeit sehr andächtig sein lässt. Vielleicht nenne ich sie deshalb auch meine „heilige Zeit“ – es ist nicht nur die stille Morgenzeit, in der der Trubel des Tages im Außen erst langsam beginnt, sondern es ist auch die Stille, die der Stein scheinbar fordert, und das Andächtige. 

Mit Blick auf die Entstehungsgeschichte des Steins ist es außerordentlich seltsam von Zeit zu sprechen, und ich kann es auch nicht wirklich – es liegt außerhalb meines Ermessens. Ich kann lediglich den Versuch unternehmen, die Entstehungszeit einer Steinskulptur in ein Verhältnis zu meiner eigenen Zeit eines Menschenlebens zu setzen und aus diesem Zusammenhang heraus behaupten, die Bearbeitung eines Steins gehe nicht schnell und brauche ihre eigene Zeit. 

Und das Andächtige? Vielleicht ist es das Gefühl, der Stein diene mir still, sei da für mich und bereit für die Form, die durch mich entsteht. Und dann, wenn diese „vollendet“ ist, bleibt er weiter still in seiner eigenen Zeit von Wandel und Veränderung, und wer weiß schon, was er in 220 Millionen Jahren sein wird…

eine form im raum
ersteht und löst sich auf dort
mein wirken im wind

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