Über die Bewegung und den stillen Punkt

Im Moment arbeite ich an einer Muschelkalkskulptur, einem recht großen Stein, der aufrecht stehend etwa einen Meter vierzig hoch ist. Zuerst einmal ist die stehende Position recht ungewöhnlich für die Arbeiten aus der letzten Zeit und fordert mir eine Umstellung ab, für die ich eine ganze Weile gebraucht habe. Anfangs beschäftigte mich verstärkt die Frage nach der Zeit. Ich war ungeduldig und gab ziemlich viel Energie in Gedanken wie: „das dauert ja ewig (…), ich komme nicht richtig an die Form dran (…), ich komme nicht an die Bewegung (…)“.

Bis mir eines Tages während dem Arbeiten der Anfang eines Textes von Jean Gebser in den Sinn kam…

Wir gehen immer verloren, 
wenn uns das Denken befällt, 
und werden wiedergeboren, 
wenn wir uns ahnend der Welt 

anvertrauen (…) 1

…und ich „der Welt anvertrauen“ mit „dem Stein anvertrauen“ ersetzte. 

Auf einmal war es so deutlich spürbar, dass es im Moment darum geht, mich noch mehr dem Stein anzuvertrauen und auf ihn zu hören. 

Das war eine sehr bedeutsame Erkenntnis, die mich dann weiter geführt hat zur nächsten Frage, nämlich dem Hören – worauf eigentlich? Am Stein gibt es ja nichts zu hören, er ist sehr still…

Doch nochmal zurück zum Anvertrauen – ich konnte wieder weniger denken und mich mehr anvertrauen. Und damit hat sich die Form weiter entwickelt – es kam eine neue Bewegung hinein und ich hatte auf einmal das Gefühl von etwas sehr Tänzerischem. 

Dann war ich eine Woche in Ferien. 

Während dieser Zeit habe ich bemerkt, dass runde Formen mich sehr anziehen und Bewegung meine Aufmerksamkeit weckt – kleine Beeren und Früchte, eine kugelige Skulptur in Wismar, der Wind in den Weiden, die Wellen am Meer… nach meiner Rückkehr habe ich das Thema der Bewegung wieder neu in die Arbeit mit dem Stein aufgenommen. 

Aber bald habe ich erneut gerungen, mit der Bewegung und dem Tänzerischen, und ich habe mich gefragt, was es denn eigentlichist, wenn es um den Ausdruck einer Bewegung im Stein geht. Geht es darum, selbst Bewegung zu sein, mich ganz einzufühlen in die Frage, was Bewegung ist und zu versuchen, diese Bewegung nachzuvollziehen, ganz körperlich, physisch? 

Irgendwann in diesem Prozess habe ich bemerkt, dass es vielmehr um das Stille geht und darum, zu dem stillen Punkt zu finden und von dort heraus die Bewegung zu erschaffen – denn die Bewegung an sich ist ja ganz still, und möglicherweise kommt sie aus der Stille. 

Ich versuche, aus dem stillen Punkt heraus zu arbeiten. Bald ist die Skulptur vollendet.

Den Text von Jean Gebser habe ich zu Ende gelesen und zitiere abschliessend den letzten Abschnitt: 

Dass uns ein Sanftes geschähe,
wenn uns der Himmel berührt, 
wenn seine atmende Nähe 
uns ganz zum Hiersein verführt. 2

 


1 + 2   aus: DIE FLÖTE DES UNENDLICHEN, Willigis Jäger und Beatrice Grimm (Hrsg.),
ISBN 978-3-9810310-5-8, S. 114: Jean Gebser, Wir gehen immer verloren

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